Eine Herde weißer Pferde

Ferien in Lipizza hieß eine Fernsehserie, die wir als Kinder jeden Freitag Abend mit glänzenden Augen vor dem Fernsehgerät verfolgten. Penibel gaben wir acht, dass wir keine der insgesamt dreizehn Folgen verpassten. Die Handlung der Serie entwickelt sich wie bei Heimatfilmen üblich: Die siebzehnjährige Julka verbringt die Ferien bei ihrem Onkel Dimitri auf einem Gestüt …

Nun, denken wir uns, das „spielen wir nach“ und verbringen heute auch einmal wenigstens ein paar Stunden auf einem Gestüt. Genauer gesagt: auf dem Gestüt in Lipizza, wo die beliebten weißen Pferde mit ihrem sprühenden und freundlichen Charakter auf uns warten.

Die Urheimat der Lipizzaner, der Ort Lipica, ist ein Ortsteil von Sežana. Wir erreichen es von er italienisch-österreichischen Grenze, ohne eine Slowenien-Vignette kaufen zu müssen. Die freundliche Vignettenverkäuferin in ihrem kleinen Häuschen am Grenzübergang erklärt uns, dass wir nach der Grenze sofort rechts in Richtung Sežana abbiegen können und schon sind wir auf einer vignettenfreien Landstraße. Na – das ist doch ein Wort und schon ist unser Diesel in diese Richtung angefahren, eilt schnurstracks hin zu den Pferden. Die einhundertzehn Pferdestärken unter seiner Motorhaube freuen sich ganz offensichtlich auch auf das Treffen mit weiteren hunderten noblen Pferdestärken ganz in Weiß.

Junger Hengst
Schon sind wir auf der schmalen Allee, welche die Zufahrt zu dem über vierhundert Jahre altem Gestüt ist. Linker Hand grast eine Herde weißer Pferde. Neiiiin, nicht alle sind weiß. Einige sind braunschwarz, besonders die Fohlen und jüngere Pferde. Ah – stimmt, fällt es mir wieder ein, die Pferdekinder kommen schwarz bis braun auf die Welt und erhalten ihre weiße Färbung zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr. Und es gibt auch andersfarbige Lippizaner, also die, die immer ein Falbe oder ein Fuchs oder ein Rappe bleiben. Das wusste ich nicht, lerne es aber auf einer Führung in dem bekannten staatlichen Gestüt.

Das Gestüt ist auf Touristen eingestellt. Nach dem Entrichten eines Obulus‘ nehmen wir an der deutschsprachigen Führung teil. Es gibt gleichzeitig auch Führungen in anderen Sprachen. Dazu haben die Verantwortlichen feste Tafeln am Eingansbereich aufgestellt, auf denen die angebotenen Sprachen aufgedruckt sind. Wir treffen an der „deutschen“ Tafel auf etwa zwanzig Pferde-Interessierte.

Lippizaner auf der Weide
Eine Herde weißer Schimmel …
Lippizaner-Nachwuchs
Dunkler Lippizaner-Nachwuchs: so wie der guckt, will er wohl gestreichelt werden?
Lippizaner erfreuen sich eines langen Pferdelebens. Die rauen Aufzuchtbedingungen im Winter, wenn die eiskalte Bora über das Karstgebiet fegt und im Sommer, wenn es verdammt heiß und sehr trocken ist, lassen diese Tiere so widerstandsfähig werden.

Wir verschwinden in einer etwas dunkleren Trainingshalle, wo einige Reiter gerade auf dem Rücken ihrer Tiere den stolzen Schritt der dafür besonders berühmten und gerühmten Pferde trainieren. Die eleganten und anmutigen Pferde tun das mit einer Grazie und in ihren Augen spiegelt sich dabei die Sanftmut, die diesen Schimmeln eigen ist.

Gestüt Lipizza Stallung Lipizza
Gestüt Lipizza Stallung Lipizza

Lipizzaner im Stall Lipizzaner im Stall
Wer kommt denn da? – Och nee, schon wieder Touris. – Na, mir doch egal … … – einfach weiterfressen.
Auslauf für den graziösen Hengst
Auslauf für den graziösen Hengst
Viel zu schnell ist die interessante Führung durch das Gestüt dieser starken und sanftmütigen Tiere beendet. In dieser kurzen Zeit haben wir viel erfahren über Pferde allgemein und besonders über diese liebenswerte Rasse. Freundlich sind sie immer geblieben, auch wenn es ihnen nicht immer leicht gemacht wurde. Viele Evakuierungen mussten die Tiere durchleben, während der französischen Revolution – die Pferde gingen nach Ungarn, nach Napoleon’s Waterloo kamen sie wieder zurück, mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden sie nach Wien verlegt, danach zwischen Österreich und Italien aufgeteilt. 1952 erhält das Stammgestüt in Lipica elf Pferde zurück, mit denen der Neuanfang begonnen wurde.

Zwei Pferde beim Laufen
Wieder aus den Umzäunungen des Gestüts herausgelaufen nehmen wir uns die Zeit, das Gelände zu erkunden. Erstaunlich, was um diese Pferdezucht herum entstanden ist. Da ist im Schatten von alten Erlenbäumen ein Picknick-Platz mit Kiosk, der sehr leckere Snacks anbietet und in dem wir wirklich gelungene Hamburger futtern. Nicht weit davon ist ein Spielcasino. Ob sich das rentiert? – Pferdewetten könnte ich mir hier vorstellen. Doch bei sportlichen Wettkämpfen hört man weniger von Lippizanern. Im Dressurreiten schaffen es letztlich nur wenige Pferde nach einer ungemein langen und eingehenden Ausbildung eine derartige Vollkommenheit in den Bewegungen, die für olympische Spitzenleistungen nötig ist. In Schritt und Galopp sind sie oft nicht gut genug. Vorteile haben sie bei bestimmten Sprüngen, wie Levade, Capriole, Courbette. Doch diese sind speziell bei der barocken Schule gefragt, für welche diese Rasse ursprünglich auch gezüchtet wurde. Lippizaner sind vielmehr perfekte Wagenpferde. Immerhin waren die Pferde schon für Gespanne bei römischen Wagenrennen vor die Quadrigen gespannt worden.

Um das Gestüt herum gibt es weiterhin noch zwei Hotels, die wir uns nicht genauer ansehen. Ein Souvenierladen mit Postern, Büchern, Skulpturen und anderen Dingen, die mit den Pferden zu tun haben, möchte ich nicht unterschlagen.

 

Und wie ist das jetzt mit den „Ferien in Lipizza“? – Nun ja, wie ich eben sagte. Es gibt zwei Hotels direkt daneben. Und im Gestüt kann man auch Reitunterricht nehmen, es gibt Einzelstunden oder passend zu einem Ferienaufenthalt auch siebentägige Reitkurse. – Na, und vielleicht erlebt man ähnliche Abenteuer wie Serienheldin Julka damals bei ihrem Onkel: schwarzangstrichene Lippizaner, um den Verdacht der Pferdeentführung zu verwischen. Oder eines der Lippizanerpferde hilft, den Höhlenausgang wieder zu finden, falls man sich in einer der naheliegenden Grotten verirrt hat.

Wer weiß?

Stute mit Fohlen
Mutter und Kind