Das einfache Leben ist Wiecherts Ausdruck seiner Ablehnung der Stadt und der Moderne
Text Innenseite Schutzumschlag
«Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz;»
(Psalm 90.
Um diesen Psalm rankt sich letztlich der komplette Inhalt des Romans, was ist wichtig, was ist verzichtbar, was schadet gar?
Inhalt
Nach dem ersten Weltkrieg: Thomas von Orla, ein Kapitän eines Kriegsschiffes im ersten Weltkrieg, ist auf Sinnsuche für sein noch vor ihm liegendem Leben. Es geht um eine sinnvolle Arbeit, nicht nur um Geld oder was man sich vielleicht unter einer “sinnvollen” Arbeit heutzutage so vorstellt:
Nein, der Erfolg konnte nicht das Letzte sein. Auch Spieler hatten Erfolg, aber ihr Leben ging nicht in die Bücher ein, aus denen Kinder lernen, wie man leben soll.
Ein guter Offizier war jener gewesen und ein guter Kamerad, aber wenn man die Uniform auszog, mußte man wohl mehr sein als dies.
Das Leben verlangte mehr, als ein Kriegsschiff verlangt.
Abkehr von der Moderne («Das einfache Leben»)
Das Buch steckt voller Textstellen, die das moderne Leben (Stadt, Banken, Streben nach materiellen Dingen, etc.) ablehnen und die “Basis” des menschlichen Leben protegieren, sicher auch ein wenig glorifizieren.
Dies mag an den Kriegserlebnissen liegen, denen Thomas von Orla ausgesetzt war und die ihn die Jahre danach immer noch beschäftigen.
Das moderne Leben und der große Fortschritt Deutschlands seit der Reichsgründung 1871 werden zum großen Teil innerlich als Kriegsursachen erfahren (Gier, Verteidigung von Pfründen unter den europäischen Ländern, …).
Gesunde, körperliche Arbeit schadet nicht und führe den Menschen auf seine Basis zurück.
Er dachte an sein Kind und wie es dort [in der Stadt, Anm.d.Red.] aufwachsen mußte, behütet, aber inmitten der Bilder des Verfalls und des Rausches; wie er es für ein paar Jahre zurücklassen mußte, aber wie er hier mit ihm einmal stehen wollte, hier oder an ähnlicher Stelle, um ihm zu zeigen, wofür man leben müßte, überall auf der Erde, wo die Menschen sich noch Mühe gaben.
… und er bedachte, dass bei reiferer Prüfung dem Menschen wohl nicht mehr gegeben sei, als in den kleinen Umkreis seines Lebens das Rechte zu tun und zwei oder drei Menschen bei der Hand zu nehmen und sie zusehen lasse, wie man es tue.
Lyrisch-bedeutungsschwerer Sprachduktus
Kein Satz scheint einfach nur so dahingeschrieben, weil er vielleicht schön klingt und gerade gut in ein klischeehaftes Stimmungsbild passt.
Vielmehr wirkt jede Textzeile exakt ausgearbeitet, genau in die Situation passend und diese beschreibend, gefühlvoll wie ein Gedicht, voller Poesie, die ins Herz trifft.
Fährt der Protagonist Thomas von Orla zum Beispiel mit dem Fahrrad durch die Dörfer und Flure seiner märkischen Heimat, dann möchte man ebenfalls seinen eigenen Drahtesel schnappen und den Geruch und den Atem unserer Landschaften in sich aufsaugen.
Ganz ohne einen Gedanken an irgendetwas anderes, als das, was die Augen, die Nase, der Mund, die Haut und eben der gesamte Organismus gerade zu fühlen bereit sind.
Es ist genau die prosahafte Art zu schreiben, die ich vielfach bei den alten Schriftstellern finde (ca. 100 Jahre alt) und die mir so viel gibt.
Nach beinahe jedem gelesenen Absatz habe ich das Gefühl, etwas Großartiges erfahren zu haben.
Eine von Wiecherts Biographien im Netz drückt es so aus:
Sein lyrisch-schwermütiger Sprachduktus gewinnt ab Ende der zwanziger Jahre eine große Lesergemeinde.
Zitate aus dem Inhalt
Die Nachernte des Krieges war so erbarmungslos wie seine blutige Zeit.
Hinter den Fenstern saß der Kapitän und schrieb, ein schweigsamer Mann, aber wer wollte laut sein in diesem Land, und hatten sie nicht Lärm genug gehabt in den Jahren, die so vergangen waren, daß niemand mehr davon sprach?
In einem staatlichen Gutachten zum Manuskript des Romans Das einfache Leben aus dem Jahr 1939 heißt es:
«Wo finden wir in irgendeinem dieser Menschen die Wirklichkeit des Lebens, wo etwas Aufbauendes und einen Blick in die Helle unseres Daseins?
Alle Gestalten Wiecherts sind von Gedanken überlastet, innerlich zergrübelt und von schwerem Leid gequält.
Sie passen nicht zu uns, sie leben deshalb auch gleichsam naturnotwendig in der Zurückgezogenheit der Wälder, wo sie ihre angekränkelte Art pflegen können.
Sie sind und bleiben Abseitige ihr Leben lang.
Die Überbetonung gewisser christlicher Momente ist ein deutliches Zeichen für die ganz andere Welt, in der diese Menschen leben. […]
Der Roman kann nicht empfohlen werden.»
– Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums bei dem Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP
Das einfache Leben ist Wiecherts Apotheose seiner Ablehnung der Stadt und der Moderne – ein stilistisch brillantes Gegenmodell aus Zivilisationsflucht und Naturverbundenheit:
«Wer einmal die Phrase hinter sich gelassen hat, für den ist der Pflug oder das Ruder oder die Büchse oder der Spaten kein Ersatz, glaube ich, sondern die Wahrheit, eine einfache, unverdorbene und große Wahrheit.
Die Menschen aber sind immer böse, wenn einer nicht mitspielt, so wie die Trinker böse sind, wenn einer nüchtern bleibt.»
– Ernst Wiechert: Das einfache Leben
Anhänger findet Wiechert weiterhin unter den Skeptikern der Moderne und den Kulturpessimisten der westlichen Zivilisation.
Der Autor einer Würdigung zu Wiecherts 125. Geburtstag 2012 stellte die Frage, ob der Schriftsteller sich auch in ein Morgen hinein deuten lasse:
«Vielleicht wird das ja dereinst ein Anliegen einer jungen Generation, wenn ihr der Glaube an den Fortschritt der Zeit endgültig unter den Fingern zerrinnt.
Auch deshalb, weil es radikal zu brechen gilt, radikal auszubrechen aus eingefahrenem Denken.
Wer aber die kühne Volte wagt, dem mag es wie Schuppen von den Augen fallen, und mit dem vergessenen Schriftsteller wird er vielleicht erkennen, daß die ganze Moderne, dieser ungeheure Sündenfall der Aufklärung, wohl nichts als eine Sackgasse war.
Eine Sackgasse ohne Wendekreis.»
Für Wiechert bedeutete Das einfache Leben die psychische Genesung und zugleich ein Weg, nach den gemachten Erfahrungen seinen Lesern den Ausweg in die Innere Emigration zu weisen.
Fazit
Ein wenig ertappe ich mich dabei, dem Thomas von Orla etwas ähnliche Gedanken zu führen.
Ich meine damit die Ablehnung der Moderne in dem Sinne, die technischen Möglichkeiten bis zum letzten Bit auszureizen und auch tatsächlich einzusetzen (Smartphone mit Apps mit Einsatzmöglichkeiten für jeden Furz, bargeldloses Zahlen bis zur letzten Eiswaffel, künstliche Intelligenz, Cloudtechnik, …).
Ja, ich glaubte bereits vor der Lektüre des Buches an ein besseres Leben, in dem es um einfache Dinge geht, als diese eben aufgelisteten: um das Leben, das Genießen des bereits Vorhandenen; um einfache Verrichtungen (Kräuter und Früchte sammeln, einkochen; um das Zusehen beim Auf- und Unrtegang der Sonne ohne den zeitlichen Zwang von weiteren Tätigkeiten währenddessen; …)
Schon im ersten Kapitel realisiert der Leser, dass man nicht einfach so durch dieses Buch hasten kann.
Wiechert hat sich beim Formulieren (tief-)sinniger Sätze viel Mühe gemacht, über deren teils philosophischen Hintergrund zumindest ich ebenso meine Zeit zum verstehenden Lesen brauchte.
Schon deswegen: alle Daumen hoch für dieses Buch!
Claudia: «Manche Bücher könnste grad zweimal lesen».
– Und da waren wir noch nicht mal bei der Hälfte des Buches angelangt.
Hier folgt jetzt also Claudias Einschätzung des Buches:
Claudias Fazit
Claudia hat natürlich ihre eigene Meinung zu dem Buch
Der Roman bschreibt ein paar recht tiefgründig denkende und handelnde Personen.
Gefühle und Beweggründe werden in einer großen Klarheit beschrieben, mit präzisen Worten, wie sie wohl nur in dieser früheren Zeit (nach dem ersten Weltkrieg) von einem wahrhaftig reflektierenden Autor benutzt werden konnte.
Zuallererst geht es um den Kriegsheimkehrer Kapitän Thomas von Orla, der sein Leben sinnvoll ändern möchte und sein inneres Glück sucht.
Nach einem Besuch beim Pfarrer findet er seinen Weg, wonach mit ihm der neunzigste Bibelpsalm in Resonanz geht: «Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz».
Nach dem Gespräch mit dem Geistlichen weiß Thomas, was er zu tun hat und dies wird sein Leben völlig verändern.
Er will und muss mit seinen Händen arbeiten, im Schweiße seines Angesichts.
Er findet nun sein neues arbeitsreiches Leben auf einer kleinen Insel mit nur einem Haus in einem großem See, umgeben also von Wasser, Wald und purer Natur.
Auch findet er in dieser Umgebung Menschen, mit denen er Freundschaft schließt …
Fazit: Ein ganz besonderes Buch mit so viel Poesie, Philosophie, Weisheiten, Botschaften und Werten.
Wer dieses Buch liest, kann sich durchaus in die schwere Zeit der Nachkriegsjahre versetzen und all das begreifen, ja spüren und fühlen, was diese Zeit und die einhergehenden Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben.