14. August 2026

Die Liebe zum Leben

Drei Erzählungen von Jack London (1876-1916)

Vom einsamen Kampf ums Überleben

Dieses Reclam-Büchlein enthält drei Erzählungen Jack Londons: Die Liebe zum Leben, Der Richter am Yukon und Unter dem Sonnenzelt. In meiner Rezension hier gehe ich jedoch lediglich auf Die Liebe zum Leben ein, was keine Be- oder Verurteilung der anderen beiden Erzälungen ist. Es hat eher damit zu tun, dass ich das Heftchen ursprünglich nur wegen der Liebe zum Leben kaufte. Neben einer Reihe anderen Geschichten Londons verwendete der Drehbuchautor und Filmproduzent Walter Ulbrich diese Erzählung für den 1972er Fernsehvierteiler Der Seewolf (in der Folge «Das Land der kleinen Zweige»), den ich für einen der künstlerich am besten umgesetzten Mehrteiler im Fernsehen überhaupt hielt und immer noch halte.

Inhaltsangabe

«Die Liebe zum Leben» erzählt die Geschichte eines namenlosen Goldgräbers, der von seinem Begleiter Bill in der kanadischen Wildnis zurückgelassen wird, nachdem er sich den Knöchel verstaucht hat. Hungrig, verletzt und allein, ohne Kugeln für sein Gewehr, begibt sich der Mann auf eine qualvolle Reise quer durch die Tundra zu einem Vorratslager und schließlich zu einem Forschungsschiff, das er an der arktischen Küste erspäht. Im Laufe der Tage ernährt er sich von Moosbeeren, von rohen Elritzen (kleine Fischlein) und Schneehuhnküken, während er einen kranken Wolf abwehren muss, der ihn, selbst sehr geschwächt und dem Tode nah, unerbittlich verfolgt. Beide wanken und kriechen über die Tundra und warten darauf, dass der andere zuerst stirbt. In einem erschütternden Höhepunkt tötet der Mann – der mittlerweile nur noch kriecht und kaum noch bei Bewusstsein ist – den Wolf mit bloßen Zähnen, und trinkt dessen Blut.

Jack Londons Schreibkunst

Der Autor übt eine starke Zurückhaltung bei der Erklärung der Hintergrundes, also warum und wie gelangten die beiden Männer in diese Lage usw.. Ja, er äußert sich fast gar nicht dazu. Jeder Leser kann sich so im Laufe der Erzählung seinen eigenen Reim dazu machen. Damit entsteht keinerlei Ablenkung vom eigentlichen Kernthema dieser Kurzgeschichte: den Kampf um das eigene Überleben bis zum letzten Atemzug.

London zeigt sein gestalterisches Können, indem er nur genau das liefert, was wir brauchen, um die Geschichte fesselnd zu finden. Drehbuchautoren und Regisseure nennen dies, spät in die Szene einsteigen und früh aussteigen.

Der gigantische Lebenswille unseres namenlosen Goldsuchers lässt ihn nicht im Stich, doch sein Körper ist seinem Ende nahe und er wird immer schwächer, gerät also immer näher an die Kiefer des ebenso kranken und stark geeschwächten Wolfs heran. Schafft er es? Oder wird er in Sichtweite des rettenden Forschungsschiffes vom Tier dann doch noch gefressen?

Wir lernen in dieser Geschichte: Solange auch nur ein Glimmen in Deinem Augapfel ist, kannst du nicht aufgeben. Du wirst überleben wollen, ob du willst oder nicht:

Als Einzelwesen kämpfte er überhaupt nicht mehr. Es war das Leben selbst in ihm, daß ihn vorwärtstrieb.

Nachwort dieser DDR-Reclam-Lizenzausgabe von 1955

Gerne lese ich ältere Ausgaben der Bücher, wenn verfügbar. Darin unterbleibt nämlich das Gendern und sonstige “Korrigieren” durch ein uns heutzutage oft bevormundendes Lektorat. Das Lesen alter Buchausgaben bringt es manchmal mit sich, dass ich mitunter eine Ausgabe aus der früheren DDR erwische, was gar nicht schlimm ist (die älteren Übersetzungen bei Jack London sind zumeist sowieso von Erwin Magnus).

Ich ziehe mir dann auch immer die sozialistisch-kommunistischen Nachworte aus dieser DDR-Zeit zu diesen Texten zu Gemüte, und möchte deren Ansichten bzw. (politisches) Geschwafel gerne an dieser Stelle einmal zum Thema dieser Unterüberschrift machen.

In den Werken seiner frühen Schaffensperiode widerspiegelt sich Jack Londons Flucht aus der bürgerlichen Wirklichkeit mit ihrer kapitalistischen Ausbeutung in die von Abenteuerromantik verklärten “Wälder des Nordens”, wie eines seiner Bücher heißt.
Noch dicker wird eine verkommene, skrupellose Moral beim Nachwort zur Kurzgeschichte Unter dem Sonnenzelt allein dem sogenannten Kapitalismus zugeschrieben:
Fräulein Caruthers gehört zur Bourgeoisie der USA. Deren skrupellose Moral drückt sich in der nichtswürdigen Laune der jungen Amerikanerin aus, der im Hafen von Colombo ein eingeborener Junge zum Opfer fällt, den sie Haigewässern nach Münzen tauchen läßt.
Eckhard Ullrich ergänzt in seiner Rezension dazu ganz zutreffend:
Dass alle anderen, buchstäblich alle anderen Zeugen an Bord, diese Tat verurteilen, die Frau Bestie oder Schwein nennen, dass selbst ihr Verehrer sie einfach stehen lässt und kein einziger von diesen Verurteilern dem Proletariat angehört oder als Mitglied der sozialistischen Partei erkennbar wird, der der Autor bis kurz vor seinem Tode selbst angehörte, hat der antiimperialistische Interpret [gemeint ist Nachwort-Autor A. M. Uhlmann, Anmerk. Travelfilmer] glatt übersehen.

Wobei manch ein Zitat von Jack London, welches ins Nachwort eingestreut wurde, mir auch nicht gerade unwahr erscheint:

Der Kapitalismus bemächtigt sich des Hab und Guts seiner Mitmenschen durch ein Börsenmanöver, ein Vertrauensmißbrauch oder durch den Kauf von Senatoren und Richtern am Oberen Gerichtshof. Ich war noch ein Anfänger: ich bediente mich noch eines Revolvers …
Nur, warum dieses Zitat ausgerechnet in Zusammen­hang mit diesen drei in diesem Büchlein vorliegenden Kurz­geschichten erwähnt wird, das erschließt sich mir nicht. Abgesehen davon funktio­nieren diese Mecha­nismen auch in anderen Gesell­schafts­ord­nungen als nur dem “Kapitalismus”, wie man heute weltweit sehen kann.

Weil es gerade so gut hierher passt, möchte ich noch ein Foto von folgendem von mir gelb markierten DDR-Jack-London-Nachwort anfügen, nur zur Ansicht, also ohne weiteren Kommentar. Es stammt aus dem DDR-Heftchen Der Mexikaner Felipe Rivera:

Umschlag und Nachwort zu: «Der Mexikaner Felipe Rivera»“
Ich stamme bekanntlich aus der DDR, die ich 1984 mit 21 Jahren verließ. In beiden Staaten arbeitete ich damals als Maurer. In welchem der beiden deutschen Staaten spürte ich persönlich wohl die Ausbeutung meiner Arbeitskraft? – Hinweis: es war nicht die kapitalistische Bundesrepublik …

Und wenn man dann als DDR-Insasse immer wieder derartige Texte gelesen hatte (sie waren in fast jeder Zeitung und vielen weiteren Schriftwerken ständig zu finden), dann fühlt man sich obendrein zu alledem noch total verarscht.

Fazit

Spannung und Nachdenken über das Leben und den Wert des Lebens, all das habe ich in dieser Kurzgeschichte gefunden.

Nachdem der Autor uns mit einer Reise voll beschwerlichen und schmerzvollen Leids erschreckte, bringt er uns zum Lachen. Denn diese Geschichte hat, man glaubt es kaum (doch es ist so), ein etwas humorvolles Ende. Belohnt euch also, indem ihr diese Geschichte lest .

Exkurs: Jack London’s Farm in Glen Ellen

Glen Ellen ist Jack Londons letzter Landwohnsitz in Kalifornien, wo ihm zusammen mit Charmians Onkel bei einem Bad im Pool die verwegene Idee zu dieser Segelkreuzfahrt kam. Claudia und ich besuchten in unserem Film Entlang der Straßen Kaliforniens diesen weitläufigen Landsitz von Jack und Charmian London. Einen kleinen Videoclip darüber könnt ihr hier ansehen:

Video: Jack London's Landsitz in Glen Ellen