27. März 2023

Der Seewolf

Roman von Jack London (1876-1916)

Das brutale Regiment eines unerbittlichen Kapitän

Für mich gehört dieses Buch zu den besten Jack Londons. Es wurde kurz nach seinem Er­scheinen (1904) auch sofort zum Best­seller. Der Schrift­steller war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 28 Jahre, was mich den Hut ziehen läßt vor seiner Fähigkeit, philosophische Gedanken­gänge recht klar und prägnant auszudrücken.

Aber erst mal: um was geht es überhaupt. Der Seewolf erzählt die Geschichte des Schiffbrüchigen Humphrey van Weyden, der in der San Francisco Bay auf dem Weg von Sausalito nach San Francisco über Bord geht und von dem Robbenschoner Ghost aufgefischt wird. Der Kapitän dieses Schoners, Wolf Larsen, ist ein Mann von ungewöhnlicher körperlicher Kraft und Willensstärke, der damit die komplette Mannschaft in Schach hält und terrorisiert. Zugleich ist dieser Mann mit einem hochintelligenten, scharfen Verstand ausgestattet, er besitzt die herausragende Fähigkeit Gedanken in einer außergewöhnlichen Klarheit zu formulieren. Das Leben und die Lektüre (wissenschaftlicher) Bücher haben diesen Mann und sein darwinistisches Lebensbild geschaffen, in dem der Stärkere alles bekommt, der Schwächere alles verliert. Der Schiffbrüchige van Weyden lernt notgedrungen, sich in dieser Welt zu behaupten und, wie Larsen später feststellt, «endlich auf eigenen Füßen zu stehen.»

Ich las die Übersetzung von Erwin Magnus (1881-1947), welche auch dem berühmten Weihnachts-Fernseh-Vierteiler aus dem Jahre 1971 zugrundelag. Für einen großen Fan der genannten Fernsehserie ist es eine natürliche Freude, komplette Passagen aus dem Film wortwörtlich im Buch wiederzufinden. Und automatisch verband ich das literarische Bild Wolf Larsens mit den Bildern aus der Fernsehserie, namentlich mit der Darstellung des Schauspielers Raimund Harnstorf. Das ist sicher ungewöhnlich, doch zu stark haben sich die Eindrücke aus der Serie in vielen Wiederholungen in mein Gedächtnis eingeprägt.

Im Buch geht es nur vordergründig um Abenteuer und um körperliche Kraft. Ein zentrales Thema bei London ist die Suche nach Werten, insbesondere für sich als Mann. Ganz besonders geht es in diesem Buch um Männlichkeit, um Geradlinigkeit, um den Mut, zu seinen Werten zu stehen. Eine andere Rezension im Netz beschreibt diesen Sachverhalt so gut, dass ich weiter unten darauf verweisen werde, anstelle das Ganze hier lediglich als Abklatsch wiederzukauen. Doch an dieser Stelle möchte ich euch gerne folgendes Zitat Wolf Larsens dalassen, welches das Leben auch und ganz besonders aus meiner Sicht zeigt, weshalb ich diese Webseite betreibe und weshalb ich das Leben so liebe:

“Und alles in allem ist die Freude ja doch der Lohn des Lebens. Ohne Freude ist das Leben wertloses Tun. Arbeiten und leben ohne Lohn ist schlimmer, als tot sein. Wer der größten Freude fähig ist, lebt am stärksten …»

Und hier der versprochene Link zur Rezension: Jack London – Der Seewolf, Rezension

Fazit
Ein Buch mit Tiefgang. Ausgerechnet in der heutigen Zeit, wo am liebsten keiner mehr wissen soll, ob er Männchen oder Weibchen ist, sollte man mal wieder solche geradlinigen, von scharfen Gedankengängen durchzogene Ideen lesen. Damit man wieder geerdet wird.

Dem Seewolf Wolf Larsen gegenüber hatte ich es nicht in der Fernsehserie geschafft, richtig böse zu sein. Obwohl es seine Taten zweifelsohne verdienten. Das gleiche passierte mir auch im Buch: der Seewolf fasziniert mich. Selbst der Weg dieses ungewöhlichen Mannes, der soviel an Kraft und Gewandheit zu verlieren hatte und schließlich auch verlor, der blind und körperlich gelähmt seinem eigenen Tod entgegensieht und dabei noch über die Klarheit seiner Gedanken in dieser Situation spricht, der selbst dieses “bißchen Restleben” zu genießen scheint, dieser Weg ringt mir dann auch wieder einen großen Respekt ab.

PS: Hier mal etwas deutlich meine Meinung zu einer unser zeitgenössischen Begrifflichkeiten:
Es gibt keine “toxische Männlichkeit”. Es gibt nur Waschlappen oder Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit.

Randbemerkung
Die Liebesgeschichte zwischen Humphrey van Weiden und Maud Brewster, die sich auf der menschenleeren Insel deutlich anbahnt, schafft es nicht, eine Liebesgeschichte zu werden. Sie berühren sich “versehentlich” mit den Fingern, klappen mit den Augen – und was weiß ich. Trotz ihrer offensichtlichen gegenseitigen starken Zuneigung, ja Liebe, entwickelt sich bis zum Verlassen der Insel nichts (Körperliches) zwischen den beiden. Das ist in meinen Augen unglaubwürdig, albern, ja geradezu kindisch. Was Jack sich dabei gedacht hatte, weiß ich nicht wirklich. Vielleicht wollte er ganz einfach nicht vom Hauptthema ablenken.

Ist Moral eine Lüge?
Jack London konfrontiert uns in seinem Roman «Der Seewolf» mit der Frage, ob die Moral des Menschen nur ein Deckmantel ist, der das wilde Tier darunter versteckt, oder ob es gute Gründe gibt, nach ethischen und moralischen Prinzipien zu handeln. Hier folgt eine “Abschweifung” über die Philosophie Wolf Larsens:

Ist Moral eine Lüge? Jack London – Der Seewolf (Abschweifungen)
 

Exkurs: Jack London’s Farm in Glen Ellen
Glen Ellen ist Jack Londons letzter Landwohnsitz in Kalifornien, wo ihm zusammen mit Charmians Onkel bei einem Bad im Pool die verwegene Idee zu dieser Segelkreuzfahrt kam. Claudia und ich besuchten in unserem Film Entlang der Straßen Kaliforniens diesen weitläufigen Landsitz von Jack und Charmian London. Einen kleinen Videoclip darüber könnt ihr hier ansehen:

Video: Jack London's Landsitz in Glen Ellen