23. Juli 2009

Die alte Stadt Bar

“Das ist der leckerste Salat, den ich auf der ganzen Reise bekommen habe” sagt Claudia und lässt sich den Vitaminska Salad des im Wahrzeichen von Bar integrierten Restaurants herzhaft schmecken. Das Wahrzeichen von Bar ist keine Statue eines Tieres wie der Berliner Bär in Berlin oder ein technisches Symbol das Atomium in Brüssel. Nein, es ist ein ungewolltes Wahrzeichen, denn es ist das futuristisch anmutende Kaufhaus im Zentrum der Neustadt von Bar. Es liegt unweit des Hafens und bietet Boutiquen, Schuhgeschäften, Möbelhandel, einem Supermarkt, Restaurants und „Stöbergeschäften“ ein Dach.

Erstaunlich, welchen Ramsch man für ebenso erstaunlich wenig Geld kaufen kann. Auch erstaunlich: wir werden fündig. Claudia kauft sich für einen Spotpreis ein luftiges Sommerkleid, das von nun an eines ihrer meistgetragenen Stücke auf unserer Reise durch diesen heißen Sommer wird. Und ich finde einen Ledergürtel mit schöner Schnalle für weniger als 1,50 Euro! Wir nehmen noch weitere Kleinigkeiten mit.

Bar ist eine der größten Städte Montenegros mit etwa 14.000 Einwohnern. Hier laufen auch die Fähren von und nach Bari in Italien, Durres in Albanien und auch nach Triest.
Dinge, die wir mit offensichtlicher Kaufabsicht in den Händen halten, werden uns beflissentlich von einer der jungen Verkäuferinnen mit einem Lächeln aus den Händen genommen und vor zur Kasse getragen. Doch lange halten wir es in dem Kramladen nicht aus, obwohl er klimatisiert ist, was bei den sommerlichen Temperaturen allein schon einen Besuch dieses eher als Flohmarkt zu bezeichnenden Geschäftes lohnt. Doch es ist dunkel drinnen. Der Stromverbrauch der Klimaanlage soll sicher durch Einsparen von Beleuchtung ausgeglichen werden. Es ist extrem laut. Nicht weil viele Kunden durch die Reihen der Angebote von Kleidern, sommerlichen Shorts, Spielzeug, Gläsern und Vasen, Angelausrüstung, nachstilisierten Waffen, Kaffeemaschinen, Kugelschreibern und vielen anderen Sachen schlendern würden. Nein, es ist die Musik. Viele Geschäfte – auch Super- und Minimärkte – sowohl in Kroatien als auch in Montenegro führen ihren Kunden gerne die Lautsprecher recht deutlich vor.
In Bar und auch in Montenegro allgemein wird sich beim Anlegen von Pflanzungen und Blumenanlagen im Stadtbild sehr viel Mühe gemacht
Hier, im Kaufhaus von Bar ist man offenbar ganz besonders stolz auf diese Klangkörper. In keiner Ecke der gar nicht so kleinen Ladenfläche können wir uns davor verkriechen. Und so treibt es uns wieder hinaus in den montenegrinischen Sommer.

In Bar haben wir eine große Sehenswürdigkeit auf unserem Plan, Stari Bar. Die alte Stadt liegt etwa vier Kilometer außerhalb des heutigen modernen Bar. Von einem sehr freundlichen Taxifahrer werden wir dorthin chauffiert. Er ist sichtlich stolz auf seinen Mercedes Benz, Baujahr 197x. Der Wagen wäre erst fünfzehn Jahre alt und führe wie ein Neuwagen. Jetzt wissen wir also, dass das Gefährt seit fünfzehn Jahren im Besitz des Taxifahrers ist. Auf den durchgesessenen Fondsitzen der Limousine kommen wir uns vor wie auf einem Treppenabsatz. Es ist natürlich längst nicht so hart. Aber es fehlt nicht mehr viel um das Kinn auf unseren Knien ablegen zu können. Im Kofferaum rumpelt das Stativ für meine Videokamera. Unser Fahrer hält auf dem Weg zur alten Stadt an einem altehrwürdigen Olivenbaum. Zweitausend Jahre hat der auf seinem buckligen und knorrigen Stamm. Wie ein Heiligtum ist er fein säuberlich von behauenen Steinplatten umringt. Wir laufen darum herum, können und sollen den Baum jedoch nicht berühren. Einige Zweige seiner breiten Krone ragen über die ringförmige Absperrung aus Stein hinaus. Wir fassen die Blätter dieses alten Lebewesens an. Gar nicht runzlig!

Von dieser biblisch alten Sehenswürdigkeit bringt uns der jetzt vergleichsweise wieder junge Benz zu den noch weitaus älteren Mauern von Stari Bar. Als wir direkt vor dem Stadttor ausgeladen werden, sichert sich unser Fahrer noch für die Rückfahrt. Wann darf er uns denn wieder abholen? – Wir möchten uns zeitlich gar nicht festlegen, wissen wir doch nicht, wie lange wir hier schlendern werden. Doch war der stolze Fahrer mit seinem Gefährt auch sehr zuvorkommend mit uns und meiner Filmausrüstung. So legen wir uns auf einen Besichtigungszeitraum zwei Stunden fest. Er sei dann wieder an dieser Stelle.

Was sind zwei Stunden, wenn du durch eine Ruinenstadt spazierst? Wenn du zwischendurch immer wieder innehältst, du dich setzt und dir dabei das bunte Leben in den alten Gassen vorstellst? Und wenn du von den vielen hochgelegenen Punkten, wie der Zitadelle, eine solche atemberaubende Aussicht hast, dass du ebenfalls erst einmal verschnaufst, dich setzt und diese gigantischen Naturbilder auf dich wirken lässt. Ja, was sind dann zwei Stunden? Mach dir keine Termine, wenn du solche großartigen Dinge bestaunst, tue es nicht! Wir haben jetzt eben diesen Termin, Termin „Taxi“.

 

Stari Bar ist heute eine Ruinenstadt vier Kilometer vor den Toren des heutigen modernen Bar.

Zehn Minuten vor Ablauf der Frist kommen wir wieder aus dem alten Stadttor heraus. Dort, wo das Taxi uns erwarten wollte. Wir denken: hoffentlich steht es noch nicht dort. Nein, wir sehen es nicht. Unweit dem Tor zu Stari Bar gibt es ein einfaches doch gemütliches kleines Eiscafé. Dort wollen wir uns erst mal hinsetzen und ein Eis essen. Kaum steht unser Eis auf dem Tisch, fährt unser Taxi vor. Kaum zu glauben. Pünktlich wie die Maurer. Der Fahrer sieht uns, gibt uns Entwarnung mit dem Handzeichen „Bedächtig, Bedächtig!“ Nach weiteren zehn Minuten läuft er auf uns zu. Macht er uns jetzt doch Druck? Nein – er fragt uns höflich, ob er zwischenzeitlich ein anderes Pärchen, dass jetzt neben seinem treuen Daimler wartet, ins Tal fahren darf. Gerne! – In dreißig Minuten sei er wieder hier. Und das reicht uns dann zeitlich auch.

Blick von Stari Bar ins Rumija Gebirge
Die mächtigen Mauern der Zitadelle
Blick von der Zitadelle ins Rumija Gebirge
Schafe mähen und ernten in Stari Bar

Claudia in Stari Bar Wer wohl alles schon über diese Treppe lief? – Wir zwei jedenfalls sind es auch. noch ’ne Claudia

Warum machen wir uns solchen Stress? Wir sind doch nicht in Deutschland! Hier in Montenegro ist alles viel gemächlicher. Niemand würde uns hier drängen wollen. Es ist nur in unseren Köpfen. Wir brauchen wohl eine Auszeit ? OK, wir haben noch drei Monate vor uns! Und erneut nehme ich mir vor: ‚Thomas – werde gelassener!‘

Links: Der türkische Äquadukt in Stari Bar. Die Knicke in der Konstruktion wurden mit Bedacht angelegt: bei Erdbeben kann sich das Bauwerk dadurch selbst abstützen.
Rechts: Der Fährhafen von Bar. Hier fahren die Fähren nach Italien, Albanien und Griechenland.
Supermoderne Telefonzelle Alte, abgebaute Telefonzelle
Öffentlich Telefonieren in Montenegro? – Wir konnten es nicht, auch wenn ich es hier simuliere. Von weitem sahen wir zwei junge Frauen, die dieses Moderne (Bild-?)Telefon zusammen mit ihren Mobiltelefonen nutzten. Wir hätten gerne ein gutes altes Kartentelefon gehabt, wie in Kroatien gang und gebe. Leider sind diese Apparate durch die Bank weg im abgebauten Zustand und längst „künstlerische Spielfläche“ wie im rechten Bild.

Für Skipper
 
Blauer statt roter Teppich auf unserem bewachten Steg. Was will man mehr! Blick von der Marina ins montenegrinische Bergland hinein. Im Hintergrund die Erhebungen der Rumija Gebirgskette.

Die Marina in Bar: … besteht aus mehreren abgeschlossenen parallelen Anlegestegen, wo jeder Steg seinen eigenen Besitzer hat. An der Spitze „unseres Steges“ sitzt den ganzen Tag über ein Marinero und wartet auf eine der wenigen ankommenden Yachten. Der hilft dann auch prompt, spricht leidlich englisch. Der gut englischsprechende Chef kommt abends persönlich vorbei und kassiert. Und es gibt bei ihm Rabatt für mehrere Tage. So hielten wir es letztlich drei Nächte an diesem wirklich gut bewachten Steg aus. Die erste Nacht kostete 28,- Euro, für die folgenden drei Übernachtungen bezahlte ich jeweils 23,- Euro. Und unser Boot fühlte sich so sicher wie bisher noch nie.

Sonnenuntergang vom Steg aus beobachtet
Es gibt auch ein (offenbar) gemeinsames Marinabüro, wo jedoch nicht kassiert wird. Für uns fanden die drei dort sitzenden Herren in gemiensamer Anstrengung heraus, wo es einen freien Leihwagen gibt. Nach dem Wetter fragt man besser nicht, was ich natürlich noch nicht wußte. Als ich gegen 19:00 Uhr nach Anklopfen deswegen ins Büro schneite, fiel der „Wachhabende“ fast von den zuammengeschobeben Sitzmöbeln. Ich weiß nicht, ob er schlief oder Fernsehen schaute, jedoch hatte er keinen Wetterbericht parat und an den vor ihm flimmernden bildschirmschonenden PC kann er nicht heran, weil nur der Chef das Passwort kennt. Das jedoch nur am Rande, denn Wetterberichte haben wir bisher auch in Kroatien selten bekommen können. Und in den Marinas meist erst auf explizite Nachfrage. – Zur Hauptsaison wird sich das bessern, wie wir feststellen werden.

Industriehafen Bar: Auch dort ist Platz einige Yachten. Die Preise sind mir nicht bekannt. Der Industriehafen liegt unmittelbar neben der Marina, wird jedoch durch eine separate Hafeneinfahrt angesteuert.