Lanzarote: Die nördliche Route

– Dritter Tag –
Das “Tal der tausend Palmen”
Verläßt man Puerto del Carmen nach Norden, so fährt man am besten auf die Autobahnen LZ-2 und dann LZ-1. Man umgeht so die Inselhauptstadt Arecife. Beim Hinweisschild für den Ort Mala verlassen wir die Autobahn, fahren nach einigen Kreiseln durch das Dorf (), wo sich links und rechts der Straße riesige Felder von Feigenakteen ausbreiten. Denn von Mala bis Tahiche erstreckt sich das Koschinillezentrum, dort wurde und wird auch heute noch der natürliche rote Farbstoff aus den Koschinilleläusen gewonnen.
Koschinilleläuse
Was das mit Kakteen zu tun hat? – Auf diesen stacheligen Gewächsen leben die Koschinilleläuse, ihre Eier erkennt man an den weißen Ablagerungen an den großen dicken Kakteenblättern. Durch Trocknen und Zerreiben der Läuse entsteht eine tiefrote natürliche Farbe. Vor Jahren versank dieser Wirtschaftszeig aufgrund synthetisch hergestellter Farbstoffe beinahe in der Bedeutungslosigkeit, doch steigt seit Mitte der 90er die Nachfrage nach diesem verträglichem Naturprodukt wieder an.

Weiter geht es die Straße LZ-1 und man passiert kurz nach Arrieta einen Kreisel mit seinem auffälligen roten Windspiel. Ein weiteres Werk César Manriques, dessen künstlerischer Kreativität auch der von hier nur noch ein paar Straßenkilometer weiter nördlich zu findende Kakteengarten entsprang: der Jameas del Agua. Vor 5.000 Jahren schuf die fließende Lava gemeinsam mit entweichenden Vulkangasen faszinierende Höhlen und Tunnelgänge. Sie ziehen sich große Strecken bis hin zum Meer. Früher nutzten Piraten diese Naturgegegebenheiten als Unterschlupf.

Los Jameos del Agua als ein kleiner Teil dieses Lavatunnels öffnet sich heute für Besucher wird mit sphärischer Musik beschallt. Im inneren unterhöhlten Wasserbecken leben winzig kleine Albinokrebse. Sie vertragen kein korrodierendes Metall und darum ist das Einwerfen von Münzen streng verboten. In der Mitte der Außenanlage leuchtet ein Meerwasserbassin wie ein türkisfarbener Schmuckstein der Navacho-Indianer, eingefaßt von strahlendem Weiß. Dieses Bild wird mit am häufigsten Postkartenmotive der Insel genutzt.

Los Jameos del Agua

Blick auf La Graciosa: von Jameos del Agua fahren wir über eine schmale Straße zwischen grün schimmernden Steinfeldern westwärts. Auf der Rechten Seite deutet ein Wegweiser den Eingang zur Cueva de los Verdes, ein weiterer Teil des Tunnelsystems, zu dem auch der Kakteengarten Jameos del Agua gehört. Den Besuch dieser Höhle lassen wir heute jedoch aus und fahren weiter in Richtung des berühmtesten Aussichtspunktes der Insel: den Mirador del Río. Von dort bekommt man einen grandiosen Blick über den Nordteil mit seinen stillgelegten Entsalzungsanlagen an der Meerenge El Río Meeresrand und der gegenüberliegenden kleinen Insel La Graciosa. Von der Steilküste El Risco nutzen Drachenflieger die Thermik vor den senkrechten Wänden und gleiten in eleganten Kehren hinab.

Ich nenne euch jetzt eine Möglichkeit, einen beinahe ähnlichen Ausblick ohne den obligatorischen Eintrittspreis im Mirador del Río zu entrichten, denn es gibt eine vergleichbare Stelle mit ähnlich guter Aussicht unweit des Miradors: LZ201 Richtung Norden, dann Abzweig nach links Richtung Guinate: .

Ausblick zur Insel La Graciosa vom Aussichtspunkt bei Guinate

Wandern/Spazieren im Nordwesten: Wieder zurück Richtung auf der LZ-10 geleitet uns die Straße ins Tal der tausend Palmen rund um das pittoreske Dorf Haria. Ein Abstecher führt unseren Wagen entlang von Kratern zweier Vulkane etwas westlich von Maguez und Haria. Hier gibt es Wandermöglichkeiten, die bis an den Kraterrand führen. Die wichtigsten Wege sind in weniger als zwei Stunden zu begehen, nicht zu anstrengend, doch auch kein Schatten. Wir blicken von hier oben über das Tal. Haria gleicht mit seinen weiß gekalkten flachen Häusern und von tausend kanarischen Palmen umgeben einer maurischen Oase.

Blick in einen der Vulkankrater westlich von Maguez (etwas nördlich von Haria). Dort ist ein Wandergebiet (baumlos) für Hobby-Vulkanologen, wo man vom Wanderweg aus in bilderbuchmäßige Krater schauen kann.

In Haria verbrachte der schon häufig erwähnte Künstler Manrique seine letzten Lebensjahre. Er wählte dieses idyllische Dorf wegen seiner Ruhe und Abgeschiedenheit.

Später, vom Mirador los Helechos, einem Aussichtspunkt mit Restaurant auf dem Weg nach Teguise, werfen wir einen Blick zurück ins Tal. Sind das wirklich 1.000 Palmen? – Wer mag sie zählen? Jedenfalls rühmt sich die Gegend, mit dieser Anzahl der Ort mit den meisten Palmen auf den gesamten Kanaren zu sein.

Blick zurück ins Tal der tausend Palmen. Wir sind jetzt auf dem Weg nach Teguise, wo man von einigen Straßenkehren aus noch einmal einen bevorzugten Blick ins Tal hat. Es gibt auch den Mirador los Helechos, wo wir neben der Aussicht ein Restaurante finden. ¡Perfecto!

Die frühere Hauptstadt Lanzarotes heißt Teguise. Der Name stammt von einer Guanchen-prinzessin aus dem zehnten Jahrhundert. Im Gegensatz zur heutigen Hauptstadt Arrecife liegt Teguise weiter von der Küste entfernt. Dadurch war der Ort vor Plünderungen durch Piraten besser geschützt.

Sehenswert ist die Plaza de la Constitutión und die Iglesia de Nostra Señore de Guadelupe. In der Altstadt steht der Palast der Königin Ico, ganz sicher das schönste Haus im Ort. In dem Gebäude ist heute ein Museum untergebracht.

Vom Ort aus sehen wir auf einem nahen Berg das Castillo de Santa Bárbara. Nach der Errichtung im 14. Jahrhundert hieß die Festung noch Guanapay. Diese militärische Anlage diente der Abwehr von Mauren und Berbern.

Teguise mit Blick auf das Castillo de Santa Bárbara

Der Tag ist beinahe vorrüber, die Uhr zeigt 18:20 und auf dem Weg zurück nach Puerto del Carmen sind wir am Fundación César Manrique angelangt. Diese Stiftung besteht im Wesentlichen aus der inzwischen berühmten ehemaligen Wohnstatt Manriques angelangt. Nein – wir sind nicht zurück nach Haria gefahren, wo der Architekt und Künstler zuletzt wohnte.

Jetzt stehen wir in der Nähe von Tahiche, wo er ein einzigartiges Domizil mitten in die Lavamassen und fünf Lavablasen schuf. In diese ursprünglich unwirtliche Natur erbaute der Architekt ein Heim, das zeigt, wie selbst an einem solchen Ort eine unverwechselbare Behausung, luxuriös und einzigartig, entstehen kann. Er bewohnte es selbst bis 1987, doch wegen der fast sensationellen Außergewöhnlichkeit der Räumlichkeiten und der Prominenz Manriques gaben sich bald Reporter die Klinke in die Hand. Der Bewohner suchte daraufhin seine Ruhe in einem Haus in Haria, wo er bis zu seinem Unfalltod im Jahre 1992 lebte.

Abendlichtblick vom Haus Manrique auf einen – na was wohl? – Klar wieder ein Vulkankegel 🙂

César Manrique (1919 – 1992): Architekt und Maler, Bildhauer. Er war Lanzarotes berühmtester Prominenter, der Zeit seines Lebens besorgt um die kulturellen Werte der Inseln war, besonders die seiner Heimatinsel Lanzarote. Manrique wandte sich gegen Bausünden: Auf Lanzarote dürfen Gebäude nicht mehr als zwei Etagen über die Erde aufragen, was auch heute noch gilt. Wenn man keine Überlandleitungen auf der Insel findet, dann ist dies ebenso seinen Bestrebungen zuzurechnen.