El Hierro: Im Tal von El Golfo

– Erster Tag –
Blick in ein Tal, das links von Bergen und rechts vom Meer begrenzt wird.
Heftige Windböen fegen über das Deck der Fred Olsen. Männer stemmen sich gegen den Wind oder klammern sich an die Reling und beobachten die Annäherung ihres Fährschiffes an die Pier, während einem seine Mütze bereits über Bord geht und … – Nein, sie hat es nicht bis zum betonierten Kai geschafft, das nasse Schicksal bleibt der Kopfbedeckung nicht erspart.

Wer schon einmal mit der Fähre in Puerto de la Estaca auf El Hierro einlief (), dem dürfte dieses oder ein ähnliches Szenario bekannt sein. Denn der Wind bläst hier oft stark. Im September haben es kleinere Boote mitunter sehr schwer, gegen den Wind den Hafen zu verlassen. Segler wissen dies und meiden bei kurzen, eng geplanten Wochentörns diesen Hafen, jedenfalls während der windigen Jahreszeiten.

Für die mächtige Fähre ist das jedoch kein Problem, wenngleich sie 45 Minuten verspätet eintrifft. Doch diese Verspätung brachte sie schon von Teneriffa mit, als sie auf ihrem Weg nach El Hierro den Zwischenstopp in San Sebastian de La Gomera machte. Diese Strecke fährt Fred Olsen drei Mal wöchentlich: Mittwoch, Freitag und Sonntag. Abfahrt in La Gomera war gegen 9:00, sonntags gegen 8:00 (saisonabhängig). Auf dem Rückweg nimmt sie die Passagiere dann wieder via La Gomera nach Teneriffa mit. Tagesausflüge zur abgelegensten kleinsten Insel der sieben großen Kanaren sind auf diesem Wege also nicht möglich. Doch das ist auch nicht weiter schlimm, denn auf der Insel gibt es Übernachtungsmöglichkeiten.

El Hierro ist die kleinste und entlegendste Insel des Kanarischen Archipels

Ich rolle mit meinem auf La Gomera gemieteten VW Polo von Bord und nehme die Bergstraße Richtung Valverde, der Inselhauptstadt. Gegen Mittag bin ich in Valverde (). Vom Hafen in La Estaca braucht man vielleicht zehn Minuten, doch ich filmte noch den Hafen und die Abfahrt der Fähre von einem Aussichtspunkt an der Straße. El Hierro ist nicht groß und ließe sich mit einem PKW bequem an einem Tag umrunden. Es sind nur etwa 120 Straßenkilometer um die Insel. Wenn auch teilweise auf schmalspurigen Serpentinen.

Valverde durchquere ich in wenigen Minuten über die Hauptstraße ohne einen Parkplatz zu finden. Ich gelange wieder an den Anfang der Stadt, die mit ihren 1.800 Einwohnern mehr ein Dorf ist. Beim zweiten Anlauf finde ich eine Parklücke. Schnell gelange ich zur Plaza Virrey de Manila mit seiner Festungskirche Santa María de la Concepción. Früher flüchteten sich die Bewohner Valverdes bei Piratenangriffen in diese massive dreischiffige Kirche.

Der Ort gründete sich an einen Berg, ich klettere über Treppen und besteige steile Seitengassen. Beim Hochsteigen gelange ich an den Ortsrand und blicke über das “grüne Dach” von Valverde.

 
Puerto de la Estaca Kirche Santa María de la Concepción in Valverde

Nach einer Stunde schon gondle ich mit dem Polo auf der HI-5 weiter, blicke über grüne Flächen hinunter aufs blaue Meer und gelange durch den 2003 eröffneten Tunel de los Roquillos ins Tal El Golfo. Beim Verlassen des Tunnelganges liegt diese fruchtbare Ebene wie ein kolossales Amphitheater vor mir. Rechter Hand entdecke ich die beiden Felseneilande Roques de Salmor, die mir schon von Bildern bekannt waren. Ebenfalls nicht weit auf einer Felsspitze an der Küste erkennt man das kleine Hotel Punta Grande. Es bleibt in keinem Reiseführer unerwähnt, weil es wegen seiner nur vier Zimmer bis vor kurzem im Guinness Buch der Rekorde stand. Vom Ende des Tunnels kann man bis zum anderen Ende des Tales blicken, obwohl es für die Sicht über das Tal noch bessere Aussichtspunkte gibt. Doch die besuche ich morgen. Heute werde ich das Tal selbst erkunden.

Nach dem Tunnel de los Roquillos hinunter ins Tal El Golfo sieht man diese beiden Felsen vor der Küste. Auf ihnen werden die hier heimischen Riesenechsen ausgewildert, denn nur dort sind sie sicher vor Katzen und Ratten.
 

Ich starte mit dem Museumsdorf Guinea (). Dort sieht man die einfachen Steinhäuser der auf die Ureinwohner, die Bimbaches, folgenden Siedler, wie sie lebten und arbeiteten. Angeschlossen und für Besucher ebenfalls zugänglich ist das Lagatario, eine Aufzuchtstation für die El Hierro-Eidechse, die in den 70er Jahren in einer unzugänglichen Steilwand wiederentdeckt wurde und deren Nachwuchs auf den Felsen Roques de Samor ausgewildert wird. Eine kleine Population der Riesenechsen wurde auch auf der Dehesa im Inselwesten ausgewildert. Die Tiere wachsen bis an ihr Lebensende und erreichen die Größe einer Katze.

Doch die meiste Zeit des Nachmittags verbringe ich entlang der Küste: Charco La Maceta mit seinen drei Badebecken und Duschen, Charco Los Sargos mit seinen schroffen Höhlen und Lavaformationen. Charcos – das sind die Badestellen an der rauhen Küste. Treppen führen zu ihnen hinunter und oft wurden kleine terrassenartige Plattformen aus Holzplanken errichtet, zum Ablegen der Handtücher und zum Sonnen.

 

Das Dorf Frontera dehnt sich an den unteren Hängen einen großen Teil des Tales entlang. Unterhalb davon ziehen sich etliche Straßen und Pisten durchs relativ flache Gelände, man kann spazieren gehen und weite landwirtschaftliche Nutzflächen lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Obstplantagen, auf denen nicht nur Mangos, Papayas und Bananen gedeihen, sondern seltsamerweise liegen hier auch große Ananasfelder. Seltsam deshalb, weil die Ananas üblicherweise nicht auf den Kanaren angebaut werden. Doch Ananas lieben trockene Böden, wohingegen Bananen auf üppige Wasserzufuhr angewiesen sind. Wasser ist Mangelware auf der Insel.

Von der Straße aus sehe ich in den hochgelegenen Bergen die weißgetünchten Häuser eines Dorfes liegen und gelange auf der HI-551 bald an einen Abzweig, der links zum Dorf Sabinosa weist (). Vom Anblick der Häuser neugierig geworden folge ich dieser Richtung. Die Straße wird jetzt bergig, schmal und serpentinenreich. An Wenden ist nicht zu denken und so muss ich da jetzt wohl durch. Bereits vor dem Ortseingang stehen geparkte Fahrzeuge an der Straße. “Als ob es hier nicht schon eng genug wäre” denke ich und biege in das Dorf ein, wo ich hinter einem ebenfalls zugeparkten Platz von Polizisten zum Anhalten bewegt werde. Hier ist ein Fest im Gange! Die Straßen sind geschmückt. Menschen laufen hin und her, von denen viele in rot-weiße Trachten gekleidet sind, mit weißen oder farbig bestickten Wollmützen bedeckt. Ein traditionelles Fest in einem kleinen Dorf – besser kann ein El Hierro-Besuch gar nicht laufen!

Im entlegenen Sabinosa oberhalb des El Golfo Tales wird heute das Fest der Virgen Fatima gefeiert. Mit Trommeln, Flöten und unter Kastagnettenklappern wird die Virgen durch die Gassen getragen.

Auf dem bereits zugeparkten Platz hinter mir findet mein kleiner VW Polo trotzdem noch ein Plätzchen und ich geselle mich (in meiner ebenfalls irgendwie rot-weißen ’Tracht‘) unter das Volk. Der Priester beschwört in seiner Rede noch die Tugendhaftigkeit, wie ich zumindest dem mahnenden Tonfall nach annehme. Die Gemeinde singt einige Lieder begleitet von mehreren Gitarren und alles findet im Freien statt. Die in Trachten gekleideten Menschen warten auf der Straße, die Kinder tollen zwischen ihnen herum und die farbig bemalte Jungfrau aus geschnitztem Holz harrt neben dem predigenden Priester auf den folgenden Prozessionsumzug durch das Dorf. Es ist die Fiesta de la Virgen Fatima.

Faro de Orchilla: Leuchtturm am Ende der Welt
Nach diesen schönen Bildern vom Dorffest plane ich zum Nullmeridian zu fahren, den Ort, den die Menschen in der Antike für das Ende der Welt hielten. Der Leuchtturm Faro Orchilla liegt im Westen, genau wo die Sonne ins Meer sinkt. Ich wollte das Ende des Tages genießen und in Wolldecken gehüllt die Nacht im Auto verbringen. Es ist hier auch nachts recht warm.

Meine Planung rutschte wegen meiner schlechten Planung der Technik, namentlich der Handy-Prepaidkarte ins Ungeplante ab. Darüber schrieb ich bereits in den News vom Juni.

Letztlich landete ich also im Hotel Pozo de la Salud, ein kleines Kurhotel (). Kurhotel auf El Hierro – wer hätte das gedacht! Vielleicht nicht ganz auf der Höhe der Zeit, die Innenarchtektur wirkte mit ihren grünen Kacheln etwas altbacken. Doch immerhin ein kleiner Swimmingpool und wie gesagt: WiFi-Spots.

Hinweis: Klickt mal auf eines der Bilder. Mit der Maus oder den Cursortasten rechts/links könnt ihr euch dann durch eine Diashow hangeln.